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Folge 47·Suchtverhalten & Nervensystem

Warum ich abends zum Glas greife — und was wirklich dahintersteckt

Korinna Söhnholz5 Min. Lesezeit

Was haben ein Glas Wein am Abend, Schokolade, Kaufsucht und chronische Schmerzen gemeinsam? Sie sind alle Antworten auf dieselbe Frage – nur die Antworten sind verschieden.

Heute habe ich Silke zu Gast – Sozialpädagogin, systemische Coach, Hypnosecoach und Traumafachberaterin. Sie war selbst betroffen und weiß deshalb nicht nur fachlich, sondern aus eigener Erfahrung, wie sich dieser Weg anfühlt. Diese Folge ist kein Zeigefinger. Sie ist eine Einladung hinzuschauen – mit Mitgefühl statt Urteil.

1\. Die Annahme des guten Grundes

Warum tun wir Dinge, obwohl wir wissen, dass sie uns schaden? Das ist die Frage, mit der fast alle Frauen zu Silke kommen. Und ihre Antwort verändert alles:

„Es gibt immer einen guten Grund für das, was wir machen. Auch wenn wir ihn nicht kennen und auch wenn wir ihn nicht verstehen.“ – Silke

Wenn das Nervensystem unter Dauerstress steht, wenn man gelernt hat zu funktionieren statt zu fühlen, sucht ein unwillkürlicher Teil in uns nach dem schnellsten Ausweg aus der Überforderung. Für manche ist das Alkohol. Für andere Schokolade, Kaufen, Netflix, Schmerzmittel.

Dieses unwillkürliche System – das übrigens immer stärker ist als der bewusste Wille – hat keine schlechten Absichten. Es will uns schützen. Es hat nur einmal gelernt, dass das die beste Möglichkeit ist, die ihm zur Verfügung steht.

„Es ist sehr schwer, etwas sein zu lassen, was beinahe funktioniert.“ – Silkes Lieblingsgedanke zum Thema Alkohol

Und das ist Alkohol: beinahe eine Lösung. Schnell, verlässlich, gesellschaftlich akzeptiert. Aber mit einem sehr hohen Preis.

2\. Wer wirklich betroffen ist – das Grauzonenphänomen

Wenn wir über Alkoholprobleme sprechen, denken die meisten an extreme Fälle. Silke arbeitet mit einer ganz anderen Gruppe: den sogenannten Grauzonentrinkerinnen.

„Ich habe Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Selbstständige – wirklich erfolgreiche Frauen. Die machen ihren Job, pflegen sich, sind voll auf Sendung. Aber sie können sich nicht mehr vorstellen, wie sie runterkommen sollen ohne ein Glas Wein.“ – Silke

Diese Frauen stehen morgens nicht auf und greifen zur Flasche. Sie trinken abends. Meistens Wein. Meistens um runterzukommen, zu entspannen, nach Hause zu kommen in sich selbst. Und genau das ist das Problem.

Ein einfacher Test, den Silke anbietet: Stell dir vor, du müsst drei Monate lang auf Wein verzichten. Was passiert in dir? Wenn sich das nach Angst, Anspannung oder echter Panik anfühlt – ist das ein wichtiges Signal. Kein Urteil. Aber ein Hinweis.

„Wenn ich trinke, einen bestimmten Zustand zu erreichen oder zu verlassen – das nenne ich Umzutrinken. Und das ist schon ein frühes Alarmsignal auf dem Weg zur emotionalen Abhängigkeit.“ – Silke

Neun von zehn Frauen, die zu Silke kommen, haben mindestens einen Elternteil, der Alkohol als Regulationsstrategie benutzt hat. Wir lernen früh, dass Erwachsene sich so beruhigen. Und wir ahmen nach, was uns sicher erscheint.

3\. Warum echte Entspannung sich manchmal wie Gefahr anfühlt

Eines der wichtigsten und überraschendsten Dinge aus diesem Gespräch: Frauen, die lange im Funktionsmodus waren, kennen echte Entspannung oft gar nicht mehr. Und was nicht vertraut ist, wirkt auf das Nervensystem wie Gefahr.

„Für das Nervensystem ist Entspannung, wenn sie gar nicht vertraut ist, manchmal bedrohlicher als die Anspannung selbst. Dann lieber schnell betäuben und weiterfunktionieren.“ – Silke

Das erklärt auch, warum Vorsätze so selten reichen. Das Nervensystem kennt dann irgendwann nur noch zwei Zustände: totale Übererregung oder Betäubung. Die Mitte – echte Ruhe, echtes Durchatmen – ist verschwunden.

Und Alkohol überschreibt dabei auch noch körperliche Signale: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, gestörter Schlaf. Das alles wird gedämpft – aber nicht gelöst. Und so hört man auf, die Nachrichten des eigenen Körpers zu hören.

„Mir ist im Nachhinein erst bewusst geworden, wie viele Signale mir mein Körper geschickt hat. Der sagt es uns ja. Das Fatale ist, dass Alkohol diese Körpersymptome überdeckt.“ – Silke

Das Wasserfass-Bild, das Silke beschreibt, trifft es perfekt: Das Fass füllt sich über Jahre mit unverarbeiteten Stress und Erfahrungen. Wer sich daran gewöhnt hat, merkt oft gar nicht mehr, wie voll es schon ist – bis beim kleinsten Tropfen alles überläuft.

4\. Der Weg heraus – und eine kleine Übung für heute

Silkes Arbeit beginnt mit Schritt 0: der ehrlichen Entscheidung, dass man etwas verändern möchte. Nicht weil jemand anderes es sagt, sondern weil man selbst spürt: Ich will das nicht mehr in meinem Leben.

„Ich wusste am Anfang wirklich nicht, wie das gehen soll. Aber ich habe die Entscheidung getroffen und mich auf den Weg gemacht. Das war der wichtigste Schritt.“ – Silke

Dann folgt Analyse: Was sind meine Trigger? Was rechtfertige ich mir schön? Was ist das echte Bedürfnis dahinter? Und dann geht es darum, dem Nervensystem beizubringen, dass Sicherheit auch ohne Substanz möglich ist – neue Wege zu bauen, anstatt immer die alte Datenautobahn zu nutzen.

Eine erste, kleine Übung, die du heute noch ausprobieren kannst:

  • Stell dir alle 90 Minuten einen Timer
  • Wenn er klingelt: beide Füße auf den Boden, Hand aufs Herz, Augen schließen
  • 90 Sekunden lang: spüren, was gerade in dir ist – ohne zu bewerten
  • Einfach wahrnehmen: Bin ich angespannt? Habe ich ein Bedürfnis? Wie fühlt sich mein Atem an?
„Diese Übung gibt dir wieder einen Raum im eigenen Leben. Sie sagt deinem Nervensystem: Ich bin auf deiner Seite. Wir gucken jetzt anders hin.“ – Silke

Und wenn diese Übung schon Angst auslöst – wenn das Einchecken bei sich selbst sich bedrohlich anfühlt – ist das kein Zeichen, dass etwas falsch ist. Es ist ein Zeichen, dass fachliche Begleitung helfen kann, erste Sicherheit herzustellen.

Silkes abschließender Tipp – für Betroffene und Angehörige gleichermassen: Hol dir Unterstützung. Es ist keine Schwäche. Es ist so mutig und so klug wie der Gang zum Arzt mit einem gebrochenen Knochen.

Hör dir diese Folge unbedingt ganz an – besonders Silkes Geschichte über sich selbst und ihr Wasserfass-Bild zum Thema Trauma werden dir noch lange im Kopf bleiben.

Wenn du Silke kontaktieren möchtest oder dich fragen willst, ob ihre Begleitung das Richtige für dich ist:

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Deine Korinna — die Osteopathin für Körper, Geist und Seele